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IG Metall Friedrichshafen-Oberschwaben

IG Metall Geschäftsstelle Friedrichshafen-Oberschwaben



"Wir müssen uns mehr zutrauen"

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21.08.2012 Sommerinterview mit Lilo Rademacher von Simone Schelk, Südkurier

Das Sommerinterview: Lilo Rademacher machte in Friedrichshafen eine beeindruckende Karriere und ist eine der wenigen Frauen in Aufsichtsräten. Sie fordert mehr Engagement für Frauen - und von Frauen mehr Selbstbewusstsein

Sie haben es geschafft: Frauen unter Männern
Frau Rademacher, darf ich Ihnen gratulieren?

Wozu denn?

Sie sind eine der wenigen Frauen Deutschlands, die in einem Aufsichtsrat sitzen. Und Sie behaupten sich in der IG Metall, wo in Oberschwaben knapp 90 Prozent der Mitglieder männlich sind.

Oh ja, stimmt. Das vergesse ich gerne. Insofern: Danke für die Glückwünsche!

Wie geht es Ihnen unter Männern?

Ich muss sagen, dass ich mich schon fast daran gewöhnt habe. Im Juni hatte ich mein 40. Jubiläum als Hauptamtliche bei der IG Metall. Ich hatte also schon viele Jahre Zeit, mich an diese Situation zu gewöhnen. Andererseits will ich mich aber gar nicht daran gewöhnen, weil man als Frau gerade in Aufsichtsräten immer noch als Exotin gilt.

Diesen Satz hätten Sie auch vor 40 Jahren sagen können. Hat sich seither nichts verändert?

Doch, und es wäre unfair, wenn ich das nicht anerkennen würde. Wir haben in der Satzung der IG Metall beispielsweise die Quote durchgesetzt. Das war für uns Frauen ein wichtiger Meilenstein. Aber auch auf der Management-Ebene merke ich, dass in einigen Unternehmen gezielt darauf geschaut wird, Frauen in Führungspositionen zu bringen.

Hätten Sie gedacht, dass bis dahin so viele Jahre vergehen?

Nein, weil ich ja schon wirklich lange im Geschäft bin. Als Gewerkschaftssekretärin beim DGB war ich eine der ersten Frauen. Dann war ich bei der IG Metall in Albstadt die erste Frau - was zugegebenermaßen für die Menschen dort heftiger war als für mich. Auf der Alb gibt es viele kleine und mittelständische Betriebe, bei denen sowohl die Betriebsräte als auch die Unternehmensleitungen sehr konservativ sind. Ich vertrat ein komplett anderes Frauenbild, als die Männer kannten. Ich war wie von einer anderen Welt für sie.

Können Sie sich an eine Situation erinnern, in der Sie explizit als Frau von Männern angegangen worden sind?

Oh ja. Da ist mir die Betriebsversammlung einer Ravensburger Maschinenbaufirma im Jahr 1988 noch sehr präsent. Wie das in so einem Betrieb eben üblich ist, fand die Versammlung zwischen Maschinen und auf Bierbänken statt. Sobald ich an das Rednerpult ging, stürmte der Geschäftsführer aus der Halle. Und zwar mit den Worten: ‚Von einem Weib muss ich mir doch nichts sagen lassen.' Ich habe ihm hinterher gerufen, ‚Wer rausgeht, muss auch wieder reinkommen', dass er genau wusste, dass er wieder am Zug ist. Das war trotzdem sehr befremdlich für mich.

Weil Ihnen so etwas noch nie passiert ist?

Ja, und weil ich so eine heftige Reaktion nicht erwartet habe.

Wie sind Ihre Erfahrungen als Frau im Aufsichtsrat?

Als ich zum ersten Mal die Arbeitnehmerseite vertrat, war das bei Dornier, bei dem Jürgen E. Schrempp noch Aufsichtsratsvorsitzender war. Damals ging es um die Wahl eines neuen Arbeitsdirektors. Ich habe gegen den Vorschlag des Vorstandes gestimmt - als Einzige. Schrempp guckte in Richtung Arbeitnehmerbank, auf der ich saß, und fragte süffisant: ‚Hat sich die Arbeitnehmervertreterin das alles auch richtig überlegt?' Die Stimmung war so eisig wie in einem Kühlschrank. Keiner traute sich mehr, überhaupt noch mit mir zu reden. Im Rückblick kann ich fast darüber lachen, aber im Grunde war das ein unmögliches Verhalten, mich in meiner Funktion und als Frau so anzugehen.

Wäre das heute noch möglich?

Zumindest mit mir würden sie so etwas heute nicht mehr machen!

Das heißt aber, dass Sie mit solchen Erlebnissen auch gewachsen sind.

Natürlich. Jede Geschichte dieser Art lässt Sie wachsen. Das ist klar. Sie zerbrechen nicht daran. Für mich hat das immer einen Fortschritt in der Entwicklung meiner Person bedeutet.

Sie können einstecken und ziehen daraus die entsprechenden Lehren. Was machen Sie sonst noch anders als viele Frauen?

Mein Vorteil war, dass ich mich gezielt in die komplizierte Welt der Tarifpolitik eingearbeitet und das von Anfang an auch so kommuniziert habe. Als ich 1987 hier angefangen habe, war die Tarifpolitik absolut männerdominiert. Ich arbeitete damals in einem kleinen Kreis als einzige Frau an tarifpolitisch wichtigen Fragen mit. Darüber bin ich langsam nach oben gekommen. Ich hatte aber auch Glück, weil mich ein Mann gefördert hat.

Wie sah das aus?

In den 90er-Jahren wurde in Baden-Württemberg der ERA (Entgeltrahmentarifvertrag, d. Red.) verhandelt. Der verantwortliche Kollege hat mir die Verhandlungen übertragen - und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem ich überzeugt davon war, das nicht zu können. Doch ich war erfolgreich - und habe viel für mich persönlich daraus gelernt. Übertragen auf andere Bereiche heißt das: Frauen müssen sich durchbeißen, um in männerdominierten Bereichen erfolgreich zu sein. Das kann zeitweise sehr hart sein, aber es macht auch Spaß.

Aber das heißt ja auch, dass man sich zum einen selbst etwas zutrauen muss und dass man zum anderen Menschen braucht, die einem etwas zutrauen.

Ganz genau. Bei mir war es ein Mann, der diesen Prozess angestoßen hat. Ich versuche das bei Kolleginnen ebenfalls. Frauen müssen Frauen fördern, sonst kommen wir nicht voran.

Was hat Sie angetrieben?

Ich hatte Werte vor Augen, die mir auch persönlich als Richtschnur gedient haben. Ungerechtigkeiten beseitigen, Jugend eine Zukunft geben, sich für ihre Rechte stark machen: Dieses Themenfeld habe ich allmählich erweitert auf andere Beschäftigte wie Ältere oder Frauen. Das Spannende an meiner Arbeit ist ja, dass ich ständig neue Herausforderungen erlebe. Ich habe immer mit Menschen zu tun. Egal, wie die Situation ist: Ich möchte etwas bewegen, dass es Menschen besser geht. Das stand für mich immer im Vordergrund.

Ungerecht ist beispielsweise auch, dass Frauen weniger verdienen als Männer. Auch dieser Kampf ist alt.

Ja, Frauen verdienen in der Tat 23 Prozent weniger als Männer, aber diese Zahl muss man differenzieren. In der Ausbildung verdienen Frauen und Männer gleich, bei der Übernahme kriegen sie auch das Gleiche. Doch die Unterbrechungen im Erwerbsleben sind ein enormes Hemmnis auf dem Weg zum gleichen Lohn, auch wenn sie jetzt kürzer ausfallen als noch vor ein paar Jahren.

Also sind Schwangerschaften und Kinder ein Hindernis auf dem Weg zur Gleichberechtigung?

Die Auszeiten vom Job schlagen sich eindeutig im Lohn nieder. Frauen wollen im Gegensatz zu früher ja gar nicht mehr drei Jahre zu Hause bleiben. Aber selbst wenn es nur ein Jahr ist, entwickelt sich ein Mann als Arbeitnehmer in dieser Zeit weiter. Punkt. Das ist so.

Kinder sind gleich Karriereknick?

Ja. Daran hat sich leider immer noch nichts geändert.

Aber einige Arbeitgeber in der Region geben sich doch Mühe, für junge Frauen attraktiv zu sein: Sie investieren in Betriebskindergärten oder in betriebliche Plätze bei Kindertagesstätten.

Diesen Fortschritt sehe ich. MTU verfolgt diese Linie recht erfolgreich, Cassidian beginnt 2013 mit dem Bau einer Kindertagesstätte mit 40 Plätzen. Bei einer der letzten Aufsichtsratsitzungen bei ZF habe ich ein bisschen "rumgemeckert", weil sie meiner Meinung nach zu wenig in dieser Hinsicht unternehmen. Wenn sich dann die Verantwortlichen damit brüsten, sich für Familienfreundlichkeit zu engagieren - da kann ich mich schon aufregen!

Haben Sie selber Kinder?

Nein. Aber ich setze mich dafür ein, dass andere Kinder bekommen können. Nein, im Ernst, ohne die entsprechende Förderung ist es für viele Frauen eine Entweder-oder-Entscheidung.

Halten Sie eine Quote für notwendig?

Ja, absolut. Ich bin seit Jahren im Aufsichtsrat von der ZF und habe immer auf weibliche Führungskräfte gedrängt, auch im Aufsichtsrat von Tognum "nerve" ich damit Vorstände von Unternehmen. Auch diese müssen weiblich werden.

Wie sind die Reaktionen?

Ich zitiere: "Wir suchen ja noch, aber es gibt so wenige qualifizierte Frauen."

Was vor dem Hintergrund der Akademiker-Statistiken kaum sein kann.

Natürlich nicht. Das ist die best-ausgebildete Generation überhaupt. Aber das Argument enthebt die Arbeitgeber davon, zwei Mal hinzuschauen. Denn Frauen vermarkten ihre Qualifikationen ganz anders als Männer.

Vermarkten sie sie überhaupt?

Ja, aber anders. Bei mir war es ein langer Prozess, bis ich wusste, dass ich eine Führungsposition ausfüllen will. Da bin ich wie viele Frauen: Ich zweifle viel an mir, stelle mich infrage und reflektiere alles.

Demnach behindern sich Frauen selbst auf dem Weg nach oben?

Zu einem gewissen Teil schon. Frau muss auch ein Verhältnis zur Macht entwickeln. Sonst geht sie unter. Frauen müssen die Frage bejahen. Denn sie müssen auch unpopuläre Entscheidungen fällen.

Was können Frauen besser als Männer?

Sie haben in der Regel eine größere soziale Kompetenz. Sie sind empathischer Mitarbeitern gegenüber. Sie überlegen sich länger, eine Entscheidung zu treffen, was nicht immer negativ ist. Gerade personelle Entscheidungen, jemanden zu entlassen oder jemanden einzustellen, treffen sie mit einem sichereren Sensor.

Gibt es in Unternehmen die berühmte gläserne Decke?

Oh ja, die gibt es. Obwohl jeder Chef behauptet, ausgerechnet in seinem Unternehmen gäbe es sie nicht.

...es gäbe nur keine Frauen, die sich auf entsprechende Positionen bewerben. Richtig?

Ja genau! Wie oft ich das schon gehört habe: Wir suchen überall, aber wir finden keine Frauen, sodass wir leider wieder einen Mann einstellen mussten. Das ist die beliebteste Erklärung überhaupt!

Und wenn es tatsächlich so sein sollte?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Außerdem muss jedem guten Chef daran gelegen sein, seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen entsprechend zu fördern. Bestimmte Talente und Fähigkeiten muss man gezielt ansprechen und entwickeln. Das verstehe ich unter Frauenförderung.

Sollte es jemals eine Frauenquote geben, können Sie von sich sagen, dass Sie keine Quoten-Frau sind.

Ich glaube, bei mir käme keiner auf die Idee, so etwas zu behaupten. Obwohl ich fast überall in meinem Beruf die einzige Frau war. Aber eine Frauenquote hilft. Deswegen stehe ich auch hinter einer Quote.

Was erwarten und erhoffen Sie sich von den Frauen?

Frauen müssen andere Frauen stärker fördern. Und Frauen müssen sich mehr zutrauen. Denn sie können mehr, als ihnen bewusst ist.

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Letzte Änderung: 21.08.2012


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